Kapitel 9 – Die Westküste

Die West Coast ist vermutlich eine der wenigen Pflichtregionen für jeden Neuseelandreisenden, und das mit Recht. Die Küstenlandschaft begeistert vor allem durch den sehr wilden Regenwald der hier durch die Witterungsbedingung perfekt gedeihen kann. Feuchtigkeit wird von den Roaring Forties, den starken Westwinden, vom indischen Ozean hierher befördert und regnet sich an den Neuseeländischen Alpen ab. Das Wetter ist also definitiv sehr unbeständig und die Landschaft sehr grün. Der Regenwald reicht hier meist bis an die sehr langen Sandstrände heran. Zum Baden ist dieser eher mäßig geeignet, da die Wellen hier durchaus gefährlich stark sind und eine ganze Menge an Sandflies auf einen warten. Diese Plagegeister sind kleine Beißmücken, die meist in großen Schwärmen auftreten und jede Menge Stiche verursachen, die für eine längere Zeit mit starkem Juckreiz quälen. Vermutlich einer der Gründe dafür das viele der paradiesischen Strände verlassen sind und man hier die Küste in ihrer vollen Schönheit genießen kann. Generell ist die West Coast das am wenigsten besiedelte Gebiet Neuseelands. Der Tourismus ist allerdings an vielen Orten hier auch sehr gut ausgeprägt. Aber auch hier wandelten wir abseits der üblichen Routen und haben eine Menge cooler Momente erlebt.

Heaphy Track

Der Heaphy Track zählte sicherlich zu den großen Highlights unserer Reise und das obwohl es für uns der anstrengendste Wanderweg war. Wir sind die knapp 80 km in vier Tagen gelaufen, von der Golden Bay bis zur Westküste und hätten vielleicht lieber fünf Tage daraus gemacht. Allerdings hatten wir mit Zelt und Kameraausrüstung natürlich auch recht schweres Gepäck dabei. Der Track selbst wurde ursprünglich von Landvermessern, Goldsuchern oder Jägern genutzt die das Gebiet im 19. Jahrhundert durchstreiften, nachdem aber nach langer Suche kein Gold gefunden worden war geriet der Weg in Vergessenheit. Erst sehr viel später wurde hier der Kahurangi Nationalpark geschaffen und der Track wurde wiederbelebt und fortan als Wanderweg durch den Nationalpark genutzt. Der Heaphy Track verspricht vor allem Vielseitigkeit und kann dieses Versprechen auch halten.

Wir starteten bei eher mäßig gutem Wetter an der Brown Hut und hatten für den ersten Tag zwar nicht so viele Kilometer, dafür aber einige Höhenmeter vor der Brust. Hier ging vor allem serpentinenartig durch den Buchenwald den Berg hinauf. Moosbewachsene Bäume und ab und an eine Lichtung wo man dann einen guten Ausblick ins Tal hatte.

Nach dem wir die Nacht an der Perry Saddle Hut auf ca. 880 Metern verbracht hatten ging es weiter in Richtung Gouland Downs, einer Hochebene inmitten des Kahurangi Nationalpark. Hier änderte sich die Landschaft zum ersten Mal. Die Bäume und Berglandschaft wich einer weiten Graslandschaft mit rotem Tussockgras und sedimentgefärbten Flüssen hier und da. An einigen Stellen konnte man gut erkennen wo das Wasser die Landschaft geformt hatte. Dieser Tag war der längste und härteste Tag. Der Weg bis zur James Mackay Hut, wo wir die Nacht verbringen wollten war ca. 27 Kilometer lang. Und auch wenn die Landschaft sehr beeindruckend war, wurde es am Ende schon sehr hart und wir waren heilfroh, als wir endlich die Hütte erreichten. Am Abend konnten wir hier schon die Mündung des Heaphy River und das Meer sehen. Dort sollte die nächste Hütte stehen und das schien so weit weg.

Am nächsten Tag änderte sich die Landschaft erneut sehr stark. Wir stiegen hinab ins Tal des Heaphy Rivers und tauchten relativ schnell in eine dichte Dschungellandschaft ein. An vielen Stellen konnte man den Fluss im Tal sehen und die Vegetation bestand nun vornehmlich aus Farnen und Nikaupalmen. Zur Mittagszeit hatten wir das Tal erreicht und überquerten den Heaphy River an der Lewis Hut. Nun kamen richtige Dschungelgefühle auf. Riesige Palmen und lange Hängebrücken mit denen wir immer wieder die Seitenströme überqueren mussten. Wir folgten dem Fluss bis zur Mündung und bauten unser Zelt bei der Heaphy Hut auf. Leider wurden wir hier von einer Vielzahl hungriger Sandflies begrüßt die sich anscheinend schon lange auf uns gefreut hatten. Ich ging noch einmal runter zum Strand in der Abendsonne und genoss den Blick auf die See, aber auch in Richtung James Mackay Hut, wo wir hergekommen waren, musste aber wenig später ins Zelt flüchten. Die Plagegeister waren hier so zahlreich, dass es sich an der Zeltwand wie das Prasseln von Regen anhörte. Wir kochten also unser Essen und gingen dann schnell schlafen.

Die letzte Etappe des Tracks stand nun auf dem Programm und auch diese sollte wieder ganz anders werden, als die vorangegangenen. Nach wenigen Metern verlief der Track hier ausschließlich an der Küste entlang. Palmen und Dschungel bestimmten zwar immer noch das Bild, aber das Meer war fast die ganze Zeit zu unser Rechten. Und immer wieder öffnete sich der Dschungel und offenbarte lange traumhafte Sandstrände. Vermutlich hätte man hier Wochen lang das Leben genießen können, wenn man in der Lage gewesen wäre am Strand zu liegen und das Meer zu beobachten. Sobald wir jedoch stehen blieben wurden wir wieder zum Futter der Beißmücken und somit blieb uns keine Wahl als hin und wieder inne zu halten ein Foto zu machen und dann direkt wieder weiter zu marschieren. Die Aussichten sind allerdings trotz Sandfly-Plage traumhaft und ein paar Stiche sind es allemal wert um diesen Ort zu sehen. Dieser Teil des Tracks war glücklicherweise der leichteste. Wir hatten insgesamt ein paar wirklich anstrengende aber auch atemberaubende Tage auf dem Heaphy Track und wir waren überglücklich als wir endlich am Nachmittag das Ende am Kohaihai Shelter erreichten. Jetzt wartete als Belohnung noch der Rücktransfer auf uns, den wir in diesem Fall per Flugzeug bestritten. Vom Flugplatz in Karamea ging es in einer kleinen 4 Sitzer-Propellermaschine erst die Küste entlang und dann über die Berge bis zur Brown Hut. Der Pilot flog die ganze Zeit über dem Track den wir die letzten vier Tage bestritten hatten. Und nach knapp zwanzig Minuten landeten wir auf einer kleinen Kuhweide im nirgendwo und hatten nur noch drei Dinge im Kopf: Dusche, Bier und Fish’n’Chips.

Karamea

Auf dem Weg nach Karamea, das am besten gehütete Geheimnis der Westküste, erschien zu unserer Rechten eine wunderbar beleuchtete Bergkette. Diese Szene konnten wir natürlich nicht einfach vorbeiziehen lassen ohne sie zu fotografieren. Nur ein kleiner Vorgeschmack was uns noch Besonderes in Karamea erwarten würde.

In den folgenden Tagen beschlossen wir ein paar einfache Wanderungen zu machen. Wie immer führte natürlich auch hier eine endlos lange Schotterstraße zum Startpunkt der Wanderungen. Eine der beiden Walking Tracks führte uns zum Moria Gate Arch. Geradezu malerisch tauchte er inmitten des zauberhaften Märchenwaldes auf. Generell war hier alles sehr dicht bewachsen und bemoost, was diesen Wald erst so interessant machte. Nur schmale Wanderwege führen hindurch und man hat wirklich das Gefühl im Urwald zu sein.

Geradezu malerisch tauchte er inmitten des zauberhaften Märchenwaldes auf. Generell war hier alles sehr dicht bewachsen und bemoost, was diesen Wald erst so interessant machte. Nur schmale Wanderwege führen hindurch und man hat wirklich das Gefühl im Urwald zu sein.

Cape Foulwind

Nachdem wir in Karamea schon einen wunderschönen Start an der Westküste hatten, fuhren wir ganz einfach die Küste entlang gen Süden. Das nächste Ziel sollte Punakaiki sein. Dort würden uns einige Wanderungen und die berühmten Pancake Rocks erwarten.
Auf dem Weg dorthin hielten wir allerdings noch einmal kurz hinter Westport am Cape Foulwind, da sich dort eine große Pelzrobben-Kolonie befinden sollte. Für eine kleine Pause war dies genau richtig und beeindruckte mit wundervoller Küstenklippenlandschaft in der Abendsonne. Am Cape hatten wir dann auch tatsächlich einen guten Blick auf die Robben, die sich ebenfalls in der Sonne sehr wohl fühlten. Als wir weiterfuhren, hatten wir mal wieder eines dieser Neuseelanderlebnisse. Anders als zu Hause gehen Kühe hier auch gerne mal zwischen den abgezäunten Weiden spazieren.

Ballroom Overhang

Am nächsten Tag hatten wir uns mal wieder eine kleine Wanderung vorgenommen. Am Fox River entlang, nur ein paar Minuten nördlich von Punakaiki ging es ca. zwei Stunden ins Landesinnere zum sogenannten Ballroom Overhang. Der führte erst ein kurzes Stück durch den Regenwald und endete dann direkt am Ufer des Fox River. Auf der anderen Seite des Flusses sollte der Weg weitergehen. Wir zogen also die Schuhe aus und krempelten die Hose hoch und wateten durchs eiskalte Wasser. Der Weg führte uns weiter durch den Dschungel und zu einer weiteren Flussquerung. Also wieder von vorne, Schuhe aus und rein ins Wasser. Wer weiß wie lange es dauert Wanderschuhe zu trocknen, der wird verstehen warum wir versuchten unsere Schuhe fürs erste trocken zu halten. Da wir aber leider feststellen mussten, dass wir den Fluss noch gefühlte 15 Mal durchqueren sollten und das Flussbett immer steiniger wurde, entschieden wir uns dann letzten Endes dazu mit Schuhen hindurch zu waten. Definitiv immer die sicherere Variante. Am Ende einer wunderschönen Canyon-Wanderung standen wir unter einem riesigen Felsvorsprung, dem Ballroom Overhang, der uns um gute zehn Meter überragte und eine Art natürliches Dach bildete. Nach einer kurzen Pause machten wir uns dann wieder auf den Weg zurück.

Pancake Rocks

Nach dem Track sind wir dann noch auf einen kurzen Besuch bei den Pancake Rocks vorbeigefahren. Auf dem Weg dahin ein kleiner Halt bei einem wunderschönen Aussichtspunkt, von dem aus man in beide Richtungen die Küste hinunterblicken konnte.
Die Pancake Rocks, Felsen, die durch Erosion über viele Jahre eine Form wie aufgestapelte Pfannkuchen angenommen hatten, waren eher ernüchternd. Hier erlebten wir die volle Breitseite des Tourismus. Angefangen vom Kaffee, an dem im Minuten Takt die großen Reisebusse vorfuhren, bis zu den gut ausgebauten und mit Geländern versehenen Wegen, auf denen es von Selfie-Touristen nur so wimmelte. Für den Fotografen in mir sind Geländer immer eine blöde Sache, da sie mich in der Wahl des Bildausschnittes beeinträchtigen. Dennoch waren die uralten Felsformationen sehr hübsch anzusehen, besonders im Licht der untergehenden Sonne.

Pororari River Track

An unserem letzten Tag in Punakaiki wollten wir noch eine weitere Tageswanderung machen. Diesmal den Pororari River Track, der uns wieder durch eine unbeschreiblich schöne und wilde Canyon-Landschaft am Fluss entlang führte. Nach einiger Zeit wand sich der Weg nach Norden und es ging über einen kleinen Hügel quer durch den Inland-Dschungel des Paparoa-Nationalpark. Wundervolle Moos bewachsene Baumstämme und nur die Vögel, die morgens im Dschungel um die Wette singen. Hier können auch schon mal Bäume auf anderen Bäumen wachsen und der Fluss findet seinen Weg vorbei an abgebrochenen Felsvorsprüngen und umgestürzten Bäumen.
Auch wenn das, weswegen wir eigentlich kamen, die Pancake Rocks, für uns nicht das Highlight war, hat Punakaiki dennoch einiges zu bieten und wir hatten ein paar wirklich tolle Tage in dieser Gegend.

Greymouth

Nachdem wir Punakaiki hinter uns gelassen hatten fuhren wir weiter die Westküste entlang nach Süden bis Greymouth. Von hier aus wollten wir uns vor allem den Lake Brunner ansehen und unsere weiteren Aktionen planen. Auch mussten wir uns um einen platten Reifen kümmern, den wir uns blöderweise an einem Feiertag einfingen und erstmal Warten mussten bis wir für Ersatz sorgen konnten. Alles in allem war es aber ein sehr netter Stopp in Greymouth. Wie der Name vermuten lässt liegt Greymouth direkt an der Mündung des Grey River. Greymouth und auch das Inlandgebiet rund um Blackball sind vor allem für Kohle- und Goldförderung bekannt. Dieser Wirtschaftszweig wurde aber mittlerweile komplett eingestellt während die Forstwirtschaft auch hier Einzug hielt. Die Bergbauvergangenheit ist allerdings immer noch deutlich spürbar. Uns zog es aber bald wieder in die Natur hinaus, also verließen wir Greymouth, als unser Auto wieder funktionstüchtig war.

Lake Brunner

Wir entschieden uns den Lake Brunner nicht von der touristischen Seite bei Moana anzufahren, sondern von Süden. Wir wollten mal wieder ein wenig laufen, nichts allzu anstrengendes, nur einen schönen Tag am See genießen. Der Bain Bay Track war dafür genau der richtige. Der Parkplatz war leer und wir waren komplett allein auf dem Track unterwegs. Am Anfang ging es über die kleinen Strände und dann immer wieder durchs dichte Unterholz. Nach ein paar Kilometern entlang der Westküste des Sees kamen wir in der Bain Bay an und hatten für die Mittagspause hier unseren Privatstrand mit herrlichem Bergpanorama im Hintergrund. Lake Brunner ist verglichen mit den großen Gletscherseen im Süden natürlich ein kleiner See, aber immerhin der größte See der West Coast. Zurück ging es dann auf demselben Weg, auf dem wir gekommen waren. Lake Brunner ist definitiv einen Besuch wert, auch wenn es nicht zu den Hauptanlaufstellen vieler Reisender gehört.